Abschlussbericht der europäischen Kulturbaustelle in Sibiu / Hermannstadt, Rumänien 2010

Wie seit mehren Jahren zog es auch diesen Sommer wieder über 40 reisende Handwerksgesellen und französische Compagnons, nach Siebenbürgen, in das wilde Rumänien.

Verschiedenste Gewerke aus Deutschland, aus Frankreich und der Schweiz tauschten sich handwerklich und kulturell aus.

Im historischen Ambiente der alten Stadtmauer an der Strada Cetăƫii, zwischen dem Zimmerer- und Töpferzunftturm,  befanden sich vom 5. Juli bis zum 6. August die Schauwerkstätten.

In der Schmiede wurden aufwendige antike verzierte Fenstergitter aufgearbeitet, restauriert und neu lackiert, sowie viele Werkzeuge aufgearbeitet und hergestellt. Jeder Fremde schmiedete seinen persönlichen Nagel, den er vor der Herberge in den „Stock in Eisen” schlug.

Eine grosse Herausforderung bestand in der  Herstellung der Balliste ( eine römische überdimensionierte Armbrust ), für die Beschläge, Bolzen, Justiermechanismen und Auslöser, in der Schmiede gefertigt wurden.

In der Tischlerei konnten sich die Gesellen im von Hand aushobeln und dem Anfertigen von Verbindungen mit der Gestellsäge beweisen. Neben einer Trudel und vielen aufwendig verzierten Bilderrahmen, wurde in handwerklicher Kleinarbeit, eine komplexe Murmelbahn gebaut. Die Murmel fährt mit einem Fahrstuhl hoch. Auf dem Weg nach oben erklingt, ausgelöst über Klavierhämmer, die Melodie „er gibt einen aus“ und über Treppen, Bahnen und einer Schaukel donnert die Murmel herunter, wo sie Final einen Blasebalg auslöst der dem Anwender eine schöne Priese Schnupf in den Kopf schiesst.

In den Schauwerkstätten wurden des weiteren neue Fenster gebaut, Balken behauen, eine Fachwerkwand abgebunden und gerichtet, Klappstühle hergestellt, eine Drachenskulptur und ein Stadtwappen aus Stein  geklopft.

In der Schneiderei wurden Reparaturarbeiten an Klüften und anderen Kleidungsstücken durchgeführt, sowie neue Masskleidungsteile angefertigt.

Unsere Zunftlade, die in diesem Jahr ihren 170 Geburtstag feierte, wurde aufgearbeitet und mit dem frischen Schellack glänzt sie wieder, wie bei dem verlassen der Werkstatt.

Ein Compagnon aus Marseille führte über eine knappe Woche einen Lehmbaukurs durch, in dem deutsche und französische Gesellen zusammen die Fachwerkwand mit verschiedenen Techniken ausfächerten.

Parallel zur Schauwerkstatt gab es eine Ausstellung. In dem Wehrgang zwischen den Zunfttürmen, konnte sich der Besucher über Wandergesellen und ihrer Aktivität in Hermannstadt, so wie über die verschiedenen Gesellenvereinigungen informieren. Neben zahlreichen Aufnahmen und Plakaten, wurden Modelle von verschiedenen Treppen und einem Blockhaus präsentiert. Die Reaktionen der Besucher waren durchaus positiv, was sich in zahlreichen kleinen Spenden, besonders von Touristen, niederschlug und so konnten die trockenen Kehlen der Fremden etwas befeuchtet werden.

Im Auftrag der ev. Stadtkirche wurden in zwei Innenhöfen neue Laubengänge abgebunden und gerichtet, sowie viel Maurerarbeiten, und zusätzliche Zimmererarbeiten an den Dächern durchgeführt. An der Stadtpfarrkirche selbst wurden Sanierungsarbeiten am Natursteinsockel durchgeführt und mehrere Steine neu behauen und gesetzt. Für das denkmalgeschützte Pfarrhaus wurden nun endlich neue Fensterbänke geklopft, die sehr exponiert die hohe handwerkliche Qualität unseren Steinmetzen zeigt. Für einen Orgelbauer, der über die letzten Jahre mit Werkstatt und Maschinen geholfen hat, wurde von Fundament bis zum Dach, ein kompletter neuer Anbau durchgeführt.

Die Eröffnungsveranstaltung war erfolgreich und wichtige Gäste waren anwesend, wie auch die Presse, die durchaus positiv über unsere Arbeit hier in der Stadt berichtete. Neben zahlreichen Zeitungen und Fernsehstationen aus dem In- und Ausland, wurden wir von einem Journalistenteam im Auftrag des MDR für eine Woche begleitet. Wir wurden ins deutsche Konsulat und ins Rathaus eingeladen und freuten uns über den Besuch von Delegierten der CCEG und der Deutschen Gesellschaft. Durch die Vorträge, die jeden Donnerstag vor unserer Herberge stattfanden, wurde die Öffentlichkeitsarbeit unterstrichen.

Der Fremde Käser demonstrierte sein Handwerk mit einer Schaukäserei und Themen, wie Zunftgeschichte von Hermannstadt, Baugeschichte, Entwicklungshilfe in Tansania, durch eine Töpferei, und Grundkenntnisse des Schmiedehandwerks wurden von einigen Fremden vorgestellt. Eine Herausforderung war hierbei die simultane Übersetzung auf Französisch und Rumänisch.

Es wurden auch Filme über verschiedene Handwerker und Wanderschaft vorgeführt und natürlich diskutiert. Natürlich kam auch der zünftige Rahmen durch Schallern, Klatschen und falls nötig auch Trudeln, an diesen Abenden nicht zu kurz. Neben den  verschiedenen Arbeiten blieb viel Zeit, Rumänien kennen zulernen. Seien das Ausflüge auf das Land, in verschiedene Museen, oder in das Nachtleben Hermannstadts. In der Unterkunft, einer leer stehenden Schule, etwas außerhalb des Zentrums, veranstalteten wir neben dem §11 auch eine Gesellenolympiade, bei der neue Weltrekorde aufgestellt wurden. Auch die Vereinssitzung mit legendärer Einheimischmeldung, war eine schöne Abwechslung.

Man kann durchaus behaupten, dass dieses Projekt in verschiedenster Hinsicht erfolgreich war. Der Austausch zwischen Franzosen und Deutschen, wie auch Rumänen, hat auf den verschiedenen Baustellen und in der Freizeit stattgefunden. Es hat sich ergeben, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Casa Calfelor alle Schächte anwesend waren und zusammen arbeiteten. Die Bude ist hoch und wird, so hoffe ich, auch noch viele Jahre so bleiben. Ich möchte mich auch herzlichst bei allen bedanken, die so viel ehrenamtliches Engagement und Herzblut für Casa Calfelor hergeben und natürlich auch bei allen Institutionen die uns finanziell unterstützen.

Gereist als Rechtschaffen Fremder Tischler von 2003 bis 2006.

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